Gute Bücher

Die Shortlist des Buchpreises

Unsere Favoriten:

Anne Weber, Annette, Ein Heldinnenepos
Matthes&Seitz, gb., 22 €

Was für ein Leben! Geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung… und noch heute an Schulen ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsams. Das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir in einem brillanten biografischen Heldinnenepos.

Kommentar der Jury

Anne Weber ist es gelungen, in der Form des Epos das reale Leben der 96-jährigen Anne Beaumanoir in ein grandioses Stück Literatur zu verwandeln. Mit feinem Humor erzählt sie von einer Frau, die mit aller Konsequenz bereit war, für ihr Ideal der Gerechtigkeit zu kämpfen. In meist ungereimten Versen, die einen fließenden Rhythmus entwickeln, verspielt und mit großem Feingefühl bereitet Anne Weber ihrer Heldin die Bühne. Gespannt folgen wir Annette von der Résistance bis in den algerischen Unabhängigkeitskrieg. Philosophisch, politisch und reflektiert stellt der Roman unaufdringlich den Bezug zur Gegenwart her. Eine wunderbare und überzeugende Hommage an eine außergewöhnliche Frau.

 

 

Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer&Witsch, gb., 24 €

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Ein Roman, der von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit erzählt.

Kommentar der Jury

Leichthändig und elegant verwebt dieser Roman große Themen der Gegenwart und der deutschen Vergangenheit. Von einem verzauberten Dachboden aus führt er uns in die Welt der Holzmarionetten, in den Zweiten Weltkrieg, in die westdeutsche Nachkriegszeit, zum Verlust von Unschuld und dem Ende der Kindheit. Er handelt von der Fantasie und ihrer Rückeroberung – und Thomas Hettche gelingt dabei ein Stück Illusionskunst, die so spielerisch und melancholisch ist, wie jene, von der dieser Roman selbst so beeindruckend erzählt.

 

 

Deniz Ohde, Streulicht
Suhrkamp, gb., 22 €

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück und erinnert sie sich: an den Vater, der nichts wegwerfen konnte, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, die in der Enge der Arbeiterwohnung erstickte, bis sie die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den Schulabbruch, die Anstrengung, Versäumtes nachzuholen und an die Angst, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.

Kommentar der Jury

Deniz Ohde schreibt mit bestechender Klarheit über einen Teil der Gesellschaft, der sonst viel zu selten zu Wort kommt. Es ist ein Text über ein (post-)migrantisches Arbeiter*innen-Milieu, ein Text über eine kleine Familie und ihren hoffnungsvollen Wunsch dazu zu gehören in einem Bildungs- und Leistungssystem, das sein Versprechen von Chancengleichheit nicht einhalten kann. Dabei lässt Ohde nicht nur eine Welt und ihre Akteur*innen plastisch werden, die sonst hinter den Türen zugerümpelter Mietwohnungen verborgen bleibt, sie schafft es auch, ganz ohne Klischees und didaktischen Zeigefinger auszukommen.

Die Preisverleihung ist am 12. Oktober 2020.
Um 18.55 Uhr wird die/der Preisträgerin bekanntgegeben.