Was wäre wenn

Lizzie Doron

Lizzie Doron ist israelische Schriftstellerin. 67 Jahre alt. Ihre Mutter hat Auschwitz überlebt. „Wenigstens sterben wir im Land Israel.“ „Und wir werden ein Grab haben.“ „Eine größere Wonne gibt es nicht!“ fügt ihre Mutter hinzu.
Sie schreit oft die Angst um ihr Kind heraus. Dem Kind ist das peinlich.

Die ersten fünf Bücher Dorons handeln von diesem mütterlichen Erbe. Sie hat dafür den Yad Vashem Preis bekommen. Ihre Bücher sind Schullektüre gewesen.
Dann hat sie das Buch „Who the fuck is Kafka“ geschrieben. Das Buch konnte weder in Skandinavien, England oder Frankreich, schon gar nicht in Israel erscheinen. Sie wird nicht mehr in staatlichem Auftrag zu Lesungen in Schulen geschickt. Die Bücher aus Bibliotheken und Buchhandel entfernt.
Das Buch beschreibt, wie sie auf einer Friedenskonferenz in Rom 2009 einen palästinensischen Mann kennenlernt. Doron schildert sehr anschaulich wie unfassbar schwer es für beide ist, miteinander „normal“ umzugehen. Erzählt ist das umwerfend gut und fast eine Liebesgeschichte.

Um eine Liebesgeschichte geht es im neuen Buch auch. Ein ehemaliger Jugendfreund, Yigal, liegt schwer krebskrank im Krankenhaus und möchte sie als Letztes sehen. Nach vierzig Jahren. Das löst bei Lizzie, so heißt die Hauptfigur, eine Lawine an heftigen Gefühlen aus, die sie kaum versteht und aushält. Eine Flut von Erinnerungen setzt ein. Heißhunger, zielloses Autofahren, Singen und Schreien. Schreien ist das, worum es eigentlich geht. Ihre Mutter hat geschrien über die ganzen Kriege, die vielen Toten. Und Yigal hat auch geschrien: Er ist auch aus der ersten Generation, wie alle hat auch er versucht sich loszumachen vom Fatalismus und Verharren im Leid wie die Eltern. „Wir lieben Israel!“ und ziehen in den Krieg. Lizzie wird im Kibbuz vor wirklichem Kriegseinsatz geschützt. Yigal nicht. Im Jom Kippur Krieg wird er von der eigenen Armee mit seiner Einheit angegriffen und bombardiert, gefangen genommen von libanesischen Truppen.
Jetzt ist er durch den Krieg „geweckt“. Schreit und versucht gehört zu werden.
„Ich liege auf unser aller Sterbebett.“
„An meinem Tod wird niemand Schuld haben, an meinem Leben schon.“
„Israhell!“

Er agitiert gegen israelischen Nationalismus und das ewige Kriegführen und wird immer isolierter. Und kann nicht getröstet werden: Mit dem Motorrad braust er öfter zu Lizzie, um zu fragen, ob sie einen Freund hat. Sie will ihn in den Arm nehmen, er weicht zurück,
„Sie haben versucht mich zu schälen.“
(Folter in der Gefangenschaft)
Und braust wieder los.

Doron fragt, warum sie selber, glaubte, Opfer zu bringen zu müssen für Israel. Menschen wie Yigal einfach zu überhören. Wo ihre Mitgefühle geblieben sind. Warum sie selber nicht schreit.

Dorons Bücher können, so auch dieses, nur noch in Deutschland erscheinen.
Sie möchte selber gerne in Deutschland leben.
In Israel wird sie als Verräterin beschimpft.

Deutschland ist ihr Land der Freiheit.
Der letzte Satz des Buches ist sehr schön und berührt einen ganz unmittelbar!

Lizzie Doron, Was wäre wenn
dtv, hardcover, 18 €