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1945 erschien zum ersten Mal »Pippi Langstrumpf« als Buch.
Als Astrid Lindgren das Manuskript einreichte, musste sie in einem Begleitbrief noch darum bitten, nicht das Jugendamt zu unterrichten –
ihre Kinder seien wohlerzogen.
Die gesellschaftlichen Regeln waren auch in Schweden damals ganz andere als heute. »Pippi Langstrumpf« war eine große Befreiung: Jetzt gab es eine Kinderbuchfigur, die ohne Erwachsene lebte und stärker und frecher als diese war!
Für manche war sie zu frech und zu stark:
1951 wollte ein französischer Verlag das Buch herausbringen und zensierte es
drastisch um alles Freche und Aufmüpfige.
Das Titelbild sollte ebenfalls geändert werden: Pippi sollte statt eines Pferdes nur ein Pony hochheben können.

»Die französischen Kinder haben Kriegserfahrungen gemacht, daher sind sie realistischer als schwedische Kinder«, erklärte der Verleger. »Französische Kinder würden nie an ein Mädchen glauben, das so stark ist, dass es ein ausgewachsenes Pferd hochheben kann.« – »Ach so«, erwiderte Astrid Lindgren. »Aber dann zeigen Sie mir doch bitte ein Mädchen, das in Wirklichkeit ein Pony mit gestreckten Armen in die Luft stemmt.«

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Erst 1995 erschien eine unzensierte Fassung in Frankreich.
Und heute?
Ist Pippi Langstrumpf noch eine zeitgemäße Kinderbuch-Figur? Oder ist sie ein hyperaktives Kind – wohlstandsverwahrlost und kontaktgestört? Denn so könnte man es auch lesen! Oder?

* * *

Astrid Lindgren hat mehr als 90 Bücher geschrieben,
die in noch mehr Sprachen übersetzt wurden.
Sie hat so ziemlich alle Preise bekommen,
die eine Kinderbuchautorin bekommen kann.
Bei einer dieser Preisverleihungen sieht man sie zwischen Männern sitzen, mit ihrem schmalen Mund leicht lächelnd.
Nach mehreren Lobreden auf sie sagt man ihr:
»Du musst jetzt auch was sagen!«
»Wenn das alles, was hier über mich gesagt wurde, stimmt,
bekomme ich den Preis zu Recht.«

1978 bekommt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels als erste Kinderbuchautorin. Sie schreibt dafür ihre berühmt gewordene Rede »Niemals Gewalt!«. Darin begründet sie, dass Friedenspolitik im Kinderzimmer anfängt.
Geschlagene Kinder können keine friedlichen Menschen werden.
Liebt eure Kinder, keine Gewalt im Kinderzimmer!
Diese Rede soll sie im Vorhinein dem Preiskomitee vorlegen.
Das Komitee ruft sie an und schlägt ihr vor,
sie solle nur den Preis entgegennehmen –
die Rede ist nicht erwünscht!
Als Astrid Lindgren im Gegenzug vorschlägt, dann gar nicht erst zu kommen,
kriegen die deutschen Buchhändler kalte Füße.
Sie hält die Rede.

Zwei deutsche Jungen machen sich daraufhin sofort nach Schweden auf in dem Glauben, dort hätten sie es besser als in dem Heim, in dem sie lebten.
Was wohl aus ihnen geworden ist?
1979 wurde in Schweden das Schlagen von Kindern unter Strafe gestellt,
in Deutschland Ende der 90er Jahre.

Die russische Wissenschaftsakademie bittet Astrid Lindgren, den neu entdeckten Asteroiden Nr. 3204 nach ihr benennen zu dürfen. Sie erlaubt es.
»Von nun an«, erklärt sie, »dürft ihr mich Asteroid Lindgren nennen.«

lindgren Karlson