An das Wilde glauben

Nastassja Martin, An das Wilde glauben

Auf einer Hochebene der vulkanischen Kamtschatka Halbinsel, ganz im Osten Russlands, wird die Anthropologin Nastassja Martin von einem Bären angegriffen.
Sie kann ihn mit einem Eispickel in die Flucht schlagen.

Der Bär hat sie schwer verletzt. Er hat ihr einen Teil des Gesichtes weggebissen. Sie wird gerettet und in russischen und französischen Krankenhäusern wieder hergestellt. Äußerlich. Innerlich tobt ein Kampf um ihre Identität dessen Schilderung das Buch sehr spannend macht.
Sie war auf die Hochebene gewandert, um einen klaren Kopf für ihre Forschungen beim Volk der Ewenen zu bekommen. Für diese indigenen Menschen, die nach dem Fall der Sowjetunion beschlossen, wieder in den Wäldern zu leben, sind Träume die Möglichkeit dem Anderen, dem Wilden zu begegnen. Martin hatte immer wieder von Bären geträumt. Jetzt war sie einem begegnet.
Er hatte ihren Körper „geöffnet“ und war jetzt in ihr. Sie hat zwei Notizhefte: das, welches wissenschaftliches Material sammelt, um es später auszuwerten und das Nachtheft, schwarz, das dem spontanen, nicht nachdenkenden Schreiben gewidmet ist. Sie beginnt noch im Krankenhaus sich innerlich neu zu ordnen. Was sie als Wissenschaftlerin zuvor beobachtete und analysierte, die animistische Durchdringung von allem, erfährt sie nun am eigenen Körper. Sobald sie kann, fährt sie wieder nach Kamtschatka zu ihrer „Wahl“familie, die ihr hilft zu verstehen oder zu akzeptieren, was mit ihr passiert ist.

Ein absolut packendes und herausforderndes Buch!

Nastassja Martin, An das Wilde glauben
Matthes&Seitz, gb., 18 €

 

Heike Berend, Menschwerdung eines Affen
Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung

Die Ethnologin Heike Berend hat in den 70er Jahren bei den Tugen in Kenia
gelebt. Diese haben sie eher widerwillig bei sich leben lassen.
Nach und nach wurde ihr deutlich, dass nicht nur ihr dieses schwarze Volk
fremd, sondern auch sie diesen fremd ist. Und sie begriff, wie sie genannt wurde:
Äffin, Kannibalin oder Närrin. So begann sie sich selbst in ihre Forschungen mit einzubeziehen, was ihr einen ganz neuen Blick auf sich selbst die Forschende ergab.

Heike Behrend studierte Ethnologie in den politisch bewegten Sechzigerjah­ren; ihre erste Feldforschung führt sie Ende der Siebzigerjahre in die keniani­schen Tugenberge; Mitte der Achtzigerjahre begibt sie sich auf die Spuren der Holy­Spirit­Bewegung im Norden Ugandas. Während der Aids­Epidemie arbeitet sie über die katholische Kirche in Westuganda, und schließlich erforscht sie an der kenianischen Küste die lokalen Praktiken von Straßen­fotografen und Fotostudios. Diese Autobiografie der ethnografischen For­schung erzählt keine heroische Erfolgsgeschichte, sondern berichtet von dem, was in den herkömmlichen Ethnografien meist ausgeschlossen wird – die unheroischen Verstrickungen und die kulturellen Missverständnisse, die Konflikte, Fehlleistungen sowie Situationen des Scheiterns in der Fremde.

Heike Berend, Menschwerdung eines Affen
Matthes&Seitz, Gb., 25 €