Gutes Buch

„Nimm Dich nicht so wichtig!“

„Nimm Dich nicht so wichtig.“
Das ist der zentrale Satz des Buches, ausgesprochen von Christiens Mann „A“.
Sie sind das Vorzeigepaar der intellektuellen Szene der Niederlande in den 70er und 80er Jahren. Er ist der narzisstische, mit Intellekt und Humor faszinierende Starjournalist und sie die Pionierin der soziologischen Frauenforschung und Psychiatriekritik. Sie macht neben ihrer Professur den Haushalt und die Kindererziehung.
Er sammelt Platten, Bücher, Filme.
Als er krebskrank wird, pflegen Christien und die Kinder „A“. und begleiten seinen Sterbeprozess. Den genannten Satz ruft „A“ Christien zu, als sie einen Wutanfall bekommt, weil sie sich nicht verstanden fühlt.
„A“ entscheidet, was ihr wichtig zu sein hat.
Und dieser Satz bewirkt einen Reflektionsprozess über ihre Liebe und ihr Zusammenleben. Ausgerechnet sie, die patriarchale Machtverhältnisse untersucht hat, verfängt sich in den ganz feinen Strukturen männlicher Herrschaft. Wieso hat sie ihre Interessen immer wieder zurückgestellt? Wieso hat sie hingenommen, dass ihr Mann das gemeinsame Haus in einen Ort der Papier- und Schallplattensammlung verwandelt. Alles zugestellt und voll. Das Haus als Symbol für das langsame Sterben des Interesses aneinander. Ihr Mann verstummt und interessiert sich nicht mehr für ihre Arbeit und wird sterbenskrank. Sie zieht sich zurück und fühlt sich nur bei sich, wenn sie allein in einem Gartenhaus am Meer ist. Vorsichtig und einfühlsam erforscht sie das Zusammenleben mit ihrem Mann. Und beschreibt es ohne Plattitüden und sehr respektvoll. Sie schafft es nach A.s Tod wieder ein eigenständiges Leben zu haben, verlorene Kontakte zu Freunden neu zu knüpfen.
Das vermüllte Haus wird wieder ein eigener Ort, lebensfroh, gastfreundlich.

Das Buch heißt im Niederländischen : „Beladen huis“.

Schnell fallen mir einige Bücher von Autorinnen ein, die das Zusammenleben, Kranksein, Pflegen, Sterben ihrer Männer beschreibend untersuchen: Hustvedt, Kavouras, von Arnim, Schubert schrieben darüber Bücher
Was erleben Männer? Verstummt?

Holger Schwab